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Fotos zum Science Talk: „Zu viele Alte, zu wenige Junge? Können wir in die Zukunft schauen?“ am 12.09.2016

Fotocredits: Tom Wagner

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Veraltetes Bild des Alterns - Wissenschafter fordern neue Sichtweisen

Utl.: Experte: Mensch biologisch relativ gut an hohes Alter
      angepasst, aber gesellschaftlicher Umgang hinkt weit hinterher
      - Wifo-Chef: Wirtschaftssystem nimmt zu wenig Rücksicht auf
      Lebensphasen =

Wien (APA) - Die sich hartnäckig haltende Idee, dass es mit der "Produktivität" eines Menschen ab 30 Jahren bergab geht und man ab 65 in der Arbeitswelt quasi nichts mehr beitragen kann, stimme nicht, so der Tenor auf einer Diskussionsveranstaltung des Wissenschaftsministeriums am Montagabend in Wien. Die Forschung könne mit diesen Vorurteilen zwar aufräumen, die Sichtweisen verändern sich aber noch kaum.

"Ich bin entsetzt, wie langsam das eigentlich vor sich geht", erklärte Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München bei dem "Science Talk" zum Thema "Demografischer Wandel". In Deutschland und Österreich dominiere in Gesellschaft und im politischen System immer noch die Sicht, dass man mit 18 Jahren zu Arbeiten beginnt, dann um die 40 Jahre arbeitet und dann quasi verbraucht in die Pension geschickt wird. Das sei ein sehr veraltetes Bild des Alterns, denn tatsächlich ist die Gruppe der über 60-Jährigen sehr heterogen. Biologisch habe sich der Mensch sehr gut an die gestiegene Lebenserwartung angepasst, der mentale und institutionelle Umgang damit hinke aber weit hinterher.

Daten aus dem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), das der Direktor des Munich Center for the Economics of Aging koordiniert, würden zeigen, dass mittlerweile relativ viele Menschen bei guter Gesundheit in diese Alterskohorte einsteigen. Außerdem habe man herausgefunden, dass sich die Gesundheit zwischen 60 und 70 im Durchschnitt kaum verändert und der Punkt, an dem die Leistungsfähigkeit tatsächlich abnimmt, oft weit hinter dem Pensionsantrittsalter liege, sagte Börsch-Supan. Klar sei, dass man nicht mit Ende 60 als Dachdecker arbeiten könne, aber in vielen Bereichen ältere Menschen durchaus noch teilweise im Arbeitsleben bleiben könnten.

Da viele Menschen "als Gesunde älter werden", wie es auch der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), Christoph Badelt, ausdrückte, müsse man die Arbeitswelt "anders denken". Einfach herkömmliche Formen der Erwerbsarbeit bis zum Alter von 70 Jahre fortzuschreiben, indem man das Pensionsantrittsalter erhöhe, werde eher nicht funktionieren. Es brauche mehr Flexibilität in Unternehmen dahingehend, wie ältere Mitarbeiter etwa in veränderten Funktionen, zumindest Teilzeit weiter integriert werden. Das Wirtschaftssystem nehme noch zu wenig Rücksicht auf die Lebensphasen. Badelt geht auch davon aus, dass unbezahlte, ehrenamtliche Arbeit wichtiger wird. Die Einstellung, "man ist nur jemand, wenn man erwerbstätig ist", sei in Zukunft wohl nicht mehr haltbar.

Trotz vieler positiver Entwicklungen müsse man auch "die nicht so schönen Aspekte des Alterns wahrnehmen", erklärte Georg Ruppe, Geschäftsführer der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA). Im Rahmen der österreichischen Hochaltrigenstudie zeige sich zwar deutlich, dass sogar relativ viele über 80-Jährige noch ohne Unterstützung zuhause leben können, aber ebenso, wie stark etwa die kognitive Verfassung älterer Menschen von ihrem sozioökonomischen Status abhängt. Man müsse also darauf achten, dass das soziale Gefälle nicht noch mehr zunimmt, so Ruppe.

Quelle: APA nt/asc/cm/sws (13.09.2016)